Die Heilkraft am Wegesrand

Marlies Dünsers Naturapotheke

Hunderte Pflanzen im Alpenraum besitzen Heilkräfte, selbst so unscheinbare wie das Gänseblümchen. Bei welchen Beschwerden sie helfen, wie sie verarbeitet und weshalb Wurzeln immer beliebter werden, weiß Kräuterfachfrau Marlies Dünser aus dem Bregenzerwald.

Text: Elisabeth Willi

Fotos: Privat

Kaum die Haustüre geöffnet und im Garten – vielleicht liegt dahinter noch ein unbestelltes Feld oder Moor – und schon steht man inmitten einer Apotheke: Kein Pflänzchen, kein Kraut, das da wächst und gedeiht, das nicht zur Heilung oder Linderung von Krankheiten und Beschwerden dient. Selbst ungeliebte Pflanzen wie Brennnesseln oder sonstiges Unkraut haben positive Wirkungen auf Körper, Geist und Seele. Je höher wir ins Gebirge kommen, umso intensiver leuchten die Farben der Blumen und Kräuter, umso mehr Nährstoffe enthalten sie und umso heilkräftiger sind sie.

Ihren Kräutergarten hat Kräuterfachfrau und Kräuterpädagogin Marlies Dünser deshalb auf 1020 Metern Seehöhe angelegt. Hier – in der Voralpe Schönenbach im Bregenzerwald  – besitzen sie und ihr Ehemann Gebhard ein Ferienhaus. Sie haben die ehemals landwirtschaftlich genutzte, primitive Hütte renoviert und einen besonderen Ort geschaffen, in dem alt und neu in harmonischer Verbindung koexistieren. Wer aus diesem Haus hinausblickt, sieht lediglich Wiesen, Bäume, Berge und hört, je nach Wetter: nichts. Das Rauschen der Blätter, das Pfeifen des Windes oder das Prasseln des Regens sind die einzigen Geräusche, die von draußen wahrgenommen werden.

In ihrem idyllischen, abgelegenen Ferienhaus mitten in der Natur gibt Marlies Dünser Kräuterkurse. Der große Vorteil hier: „An diesem Ort finden hektische Menschen zur Ruhe. Nach zwei, drei Stunden fühlen sie sich wie zuhause“, erklärt sie. Bei ihr lernen Interessierte jedoch nicht nur im Stübchen, sondern auch draußen bei Kräuterwanderungen. „Man muss die Pflanzen angreifen, riechen und schmecken“, erklärt die Fachfrau und fährt mit Nachdruck fort: „Es ist sehr wichtig, dass man sich auskennt, denn manche Arten sind giftig.“ Etwa die Herbstzeitlose, die dem beliebten Bärlauch tödlich ähnlich sieht. Glücklicherweise zählt sie jedoch zu den Ausnahmen, die allermeisten Kräuter wirken positiv auf den Menschen.

Marlies Dünser ist seit Kindertagen durch ihre Oma und Mutter mit Pflanzen vertraut, sie hat viele Bücher darüber gelesen und zahlreiche Kurse sowie Weiterbildungen besucht. Seit circa sechs Jahren betreibt sie in ihrem Heimatort Reuthe im Bregenzerwald eine Naturheilpraxis, in der sie die Pflanzenheilkunde oft in Kombination mit Bachblüten und Jin Shin Jyutsu – auch Strömen genannt – anwendet. Die Beschwerden, mit denen die Menschen zu ihr kommen, sind sehr vielfältig. Kräuter, so erklärt sie, können nicht nur bei Erkrankungen innerhalb des Körpers helfen, sondern auch bei äußeren Verletzungen und bei psychischen Problemen. „Wer humpelt, ist mit einer Beinwellsalbe gut versorgt“, beginnt sie, Beispiele aufzuzählen. „Oder die Brennnessel, die gibt Power pur, hat mehr Vitamin C als eine Zitrone und hilft bei Rheuma. Alle gelben Pflanzen hellen den Humor auf. Spitzwegerich ist das beste Blasenpflaster, Meisterwurz sehr gut gegen Grippe.“ Apropos Meisterwurz: „Bei uns in den Alpen gibt es genau dieselben Mittel wie in der traditionellen chinesischen Medizin. Meisterwurz ist wie Ginseng, die Heidelbeere aus den Bergen mit der Goji-Beere vergleichbar“, erklärt die ausgeglichen wirkende Bregenzerwälderin.

Manchmal ist bereits am Aussehen und am Namen der Pflanze erkennbar, welche Heilkräfte sie besitzt. In der feinen, weiß-gelben Blüte des Augentrosts etwa prangt ein schwarzes Pünktchen, sodass sie wie ein kleines Auge aussieht. Die Menschen früher – fernab aller Wissenschaft – vermuteten deshalb, dass diese Blume gut für das Auge sei, probierten sie aus und nannten sie dementsprechend. Noch heute wird Augentrost als Heilmittel für das Auge geschätzt.

Zu finden sind die Pflanzen überall in der Natur, vor allem dort, wo nicht gedüngt wird. Gratis können wir uns aus dieser Natur-Apotheke bedienen, sofern – und darauf ist strikt zu achten – die Blumen und Kräuter nicht unter Artenschutz stehen. Marlies Dünser pflegt generell einen sehr sorgsamen Umgang mit den Pflanzen: „Sie sind Lebewesen, und ich begegne ihnen in Ehrfurcht und Dankbarkeit. Sie sollten nur dort gepflückt werden, wo sie reichlich wachsen und nur so viel, wie wir brauchen.“ Außerdem empfiehlt die Mutter zweier erwachsener Kinder, sich zum Kräutersammeln Zeit zu nehmen, um die Kraft und Schönheit der Natur auf sich wirken zu lassen. Pflanzen, die in der näheren Umgebung nicht vorkommen, zieht sie in ihrem Kräutergarten. Wer in der Stadt wohnt oder wem schlicht die Zeit für das aufwändige Sammeln und Trocknen fehlt, kann alle Kräuter in der Apotheke kaufen.

Verarbeitet werden die Pflanzen zu Tees, Salben oder Schnaps, sie können geräuchert, gekaut oder als Tinkturen angesetzt werden. Und schließlich dienen einige davon als schmackhafte Nahrungsmittel: Brennnesselsamen etwa schmecken wunderbar auf einem Butterbrot und mit Gänseblümchen lässt sich eine köstliche Frühlingssuppe zubereiten. Oft sind alle Teile der Pflanze verwertbar, wie Marlies Dünser anhand des Löwenzahns erklärt: Die Blüten ergeben Honig und Sirup, mit dem Stängeln kann eine Leberkur gemacht werden, und die Blätter schmecken lecker in einem Salat, ebenso wie die Wurzeln als Suppeneinlage.

Mit Wurzeln arbeitet Marlies Dünser immer häufiger. „Das ist im Kommen und hat mit dem Thema ‚Mit der Erde verwurzelt sein‘ zu tun“, sagt sie. Die Wurzeln werden im Herbst oder Frühling ausgegraben, weil vor und nach der Blüte die gesamte Kraft darin ist. „Sie werden für Salben, Öle und als Tinktur mit Alkohol frisch verwendet. Getrocknet können sie zu Tee verarbeitet oder pulverisiert werden“, gibt die Kräuterfachfrau von ihrem großen Wissen preis. „Ich glaube, man könnte noch vieles aus Wurzeln machen. Ausprobieren und Neues wagen, lautet meine Devise“, erzählt sie und lächelt.

Pflanzen wirken nicht ganz so schnell wie herkömmliche Medizin, sagt die freundliche Bregenzerwälderin und fügt sogleich hinzu: „Aber man muss zur Ruhe kommen, sich mit sich selbst auseinandersetzen und spüren, wo das Problem liegt. Alleine das tut schon gut.“ Und genau deshalb ist Marlies Dünser fasziniert von Pflanzen, diesen Heilmitteln der Alpen.

Kontakt:

Marlies Dünser

www.marlies-duenser.at

Tel: 0043 664 9282279
E-Mail: marlies.duenser@aon.at

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